Herzlich Willkommen auf der Website des Alten Baubelers – Xaver Herzog 1810-1883
Ballwil und sein „alter Balbeler“
Referat von Hans Moos, Gemeindepräsident, Ballwil
Nicht Weltstadt ist Ballwil. Auf Atlaskarten
darf man sein kleines Ringlein nicht erwarten,
und wenn die Neugier nach dem Wo dich fragt,
antworte nur ganz kühn und unverzagt:
Ballwil, ein Sitz der Wissenschaft und Musen,
liegt zwischen Gerligen und Ottenhusen…
Verehrte Gäste, liebe Balbeler,
die Verse stammen nicht etwa von Xaver Herzog. Er hat meines Wissens von Gedichten die Finger gelassen. Ein anderer Herzog hat da gereimt, Franz Alfred, Propst zu St. Leodegar, ebenfalls aus Beromünster gebürtig und mit unserem „alten Balbeler“ verwandt. Aus Anlass der Hundertjahrfeier der Pfarrkirche Ballwil hat er dem „Balbeler Brunnen“ ein Gedicht gewidmet und darin unser Dorf so liebenswürdig zwischen Gerligen und Ottenhusen verortet. Dazumal zählte Ballwil gut 1‘100 Einwohner, heute sind es 2‘500 und ungrad. Aber eine Weltstadt sind wir deswegen noch lange nicht. Schon eher eine ganz normale Luzerner Gemeinde, mit einem winzigen historischen Dorfkern, mit einem Dorf, das immer noch wächst, mit Aussenquartieren, Weilern und Einzelhöfen. Das gleiche könnte man von vielen anderen Luzerner Gemeinden auch sagen.
Doch wir haben eine Spezialität – nicht Pralinés oder einen spritzigen Weisswein, sondern den alten Balbeler! Zwar ist sein Name nicht mehr so geläufig wie vielleicht vor 60 Jahren, als Ballwil ihm einen Brunnen errichtete. Aber ganz vergessen ist er nicht, sonst wären wir heute Abend nicht hier zusammengekommen. Dank Pfarrer Herzog wurde im 19. Jahrhundert der Name seines Wirkungsorts Ballwil weit über die Region hinausgetragen, bis in den süddeutschen Raum. Und umgekehrt hat die kleine Pfarrei Ballwil ihrem populären und zu Spässen aufgelegten Pfarrherrn zum originellen Zunamen verholfen: “De lustig Balbeler” wurde er landauf, landab genannt, und später, nach seiner Rückkehr in seine Heimat Beromünster, wo er schon bald starb, war und ist er bis heute einfach “de alt Balbeler”.
Das sichtbarste Zeugnis seines Wirkens ist bis heute die Pfarrkirche St. Margrethen. Als Xaver Herzog im Herbst 1841 als noch junger Pfarrer die Pfarrei Ballwil übernahm, stellte er rasch fest, dass das alte Kirchlein nicht mehr genügte. Für einen grösseren Neubau setzte er alle Hebel in Bewegung, leistete hartnäckige Überzeugungsarbeit und ging höchstpersönlich in der Pfarrei auf Betteltour. Der politisch stockkonservativ gesinnte Pfarrer hatte sich in den Kopf gesetzt, eine architektonisch neuartige, innovative Kirche zu bauen, und für den Entwurf der Pläne einen Architekten aus Bayern beauftragt. Das lief nicht ohne Murren in der Gemeinde ab. Doch der Pfarrer setzte sich durch, und Anfang Dezember 1847 stand das Gotteshaus im Rohbau da.
Eine fast gespenstische Szene, dieser 8. Dezember 1847 in Ballwil: Im kahlen, kalten neuen Kirchenraum feiert der junge Pfarrer mit seiner Gemeinde erstmals Gottesdienst, fröstelnd, aber glücklich darüber, dass das ersehnte Werk der Vollendung entgegengeht, aber auch aufgewühlt von den Ereignissen der letzten Tage: Die katholischen Orte, angeführt vom Kanton Luzern, haben Ende November den Sonderbundskrieg, diesen unseligen Bruderzwist, verloren. Xaver Herzog hat selber aus sicherer Distanz das letzte Gefecht bei der Gisiker Brücke mitverfolgt – als glühender Verfechter der Ziele des Sonderbunds. Die schmähliche Niederlage der katholischen Orte erlebte er als persönliche Katastrophe, die er nie ganz verschmerzte.
Doch das Leben geht weiter. Im Dorf sind eidgenössische Truppen einquartiert, erzliberale Basel-Landschäftler. Sie, die Sieger von Gisikon, haben dem Sonderbunds-Pfarrer angeboten, bei der Einsegnungsfeier am 8. Dezember Spalier zu stehen, und er hat das Angebot offenbar angenommen. Eine Geste der Versöhnung auf beiden Seiten. Für Xaver Herzog steht die Sache der katholischen Kirche allerdings auf Messers Schneide. Fortan wird er für sie kämpfen – mit der Feder: als Erzähler, als Verfasser politischer Schriften, von Kalendergeschichten und von Nachrufen auf verstorbene Amtsbrüder. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren schreibt er ziemlich wild drauflos, gibt eine eigene Zeitschrift heraus, speit Gift und Galle gegen den liberalen Zeitgeist und hat mit seinen unterhaltsamen Erzählungen beachtlichen Erfolg.
Die Bewertung des Schriftstellers Xaver Herzog überlasse ich gerne den Fachleuten. Mich nimmt nur wunder, wie wohl die ländlichen Pfarrkinder auf die emsige literarische Produktion ihres Pfarrers reagiert haben. Im gastlichen Pfarrhaus gingen übrigens recht prominente Zeitgenossen ein und aus. Im Gästebuch seines Gartenhäuschens, dem so genannten Gartenbuch, sind Prälaten und Politiker mit Reimen, Sprüchen und netten Worten verewigt.
Der schreibende Pfarrer war zudem ausgesprochen reiselustig. Seine sommerlichen Reisen und Wallfahrten, unter oft beschwerlichen Bedingungen, führten ihn vor allem nach Süddeutschland, aber auch bis nach Ungarn und zweimal nach Lourdes.
Es gibt Hinweise dafür, dass Xaver Herzog trotz seiner Schriftstellerei und Reiserei ein guter und eifriger Seelsorger war. Seine Volksnähe und sein unverblümter Humor kamen ihm dabei zugute. Ein schönes Zeugnis stammt ausgerechnet von einem Liberalen, von Heinrich Ineichen, dem zweiten bedeutenden Ballwiler des 19. Jahrhunderts, der als Erziehungs- und Regierungsrat das politische Heu wahrlich nicht auf der gleichen Bühne hatte wie Xaver Herzog. Dennoch haben sich die beiden offensichtlich gut verstanden, und zu Recht schmücken ihre Porträts in schöner Harmonie das Foyer unseres Gemeindesaals. In seinen lesenswerten Erinnerungen, die Franz Felix Lehni 1987 unter dem Titel „Mein Leben“ herausgab – das Buch ist eine echte Fundgrube -, schreibt Heinrich Ineichen: „Die geistreichen, wahrhaft christlichen, immer aus dem Leben gegriffenen Vorträge Herzogs brachten mich der Kirche wieder näher. Das war ein Christentum der Liebe, das das Leben befruchtet und es trägt, das stärkt für treue Pflichterfüllung, für Ausharren in Geduld in Leiden und Widerwärtigkeiten, ein Christentum, das Früchte tragen soll im Leben. Aller Äusserlichkeit und allem Scheinwesen war er abhold. Kaum einer hat das Volk in seiner Eigenart so treu und wahr aufgefasst und in seinen zahlreichen Schriften so kindlich naiv dargestellt, wie er. In den 42 Jahren seiner Wirksamkeit als Pfarrer ist er auch mit dem Volk so eng verwachsen, dass er sich mit dem Gedanken der Trennung nicht vertraut machen konnte, auch da noch nicht, als die 72 Jahre mahnten, das Ziel sei nahe gekommen…“ (Ende Zitat)
Es benötigte einen Fingerzeig des bischöflichen Kommissars, damit sich Xaver Herzog von Ballwil löste und 1883 als Chorherr in seine Heimat Beromünster zurückkehrte. Dort waren laut Heinrich Ineichen „Sinn und Gedanken immer nach Ballwil gerichtet“. Nach wenigen Monaten starb Xaver Herzog – die Ballwiler nehmen an, aus Heimweh nach seiner braven Pfarrei. „Eine grosse Zahl seiner Pfarrkinder gab ihm am 26. Dezember in Münster das Grabgeleite.
Von nun an ist Xaver Herzog definitiv der „alte Balbeler“, eben der populäre frühere Pfarrer von Ballwil. Er lebt vorerst in seinen publizierten Werken weiter. Doch diese kommen schon recht bald aus dem Kurs. Dauerhafter ist sein Fortleben in der Erinnerung seiner Pfarrkinder und in manchen Anekdoten, die bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht nur in Ballwil, sondern weitherum immer wieder die Runde machen. Den künstlerisch-architektonischen Ideen, die er in seinem Kirchenbau umsetzte, wird man allerdings schon bald untreu: 1907 wird die Kirche im Zuge einer umfassenden Renovation nach dem Geschmack der Zeit ausgemalt und umgestaltet – man ist aus heutiger Sicht versucht zu sagen: verunstaltet.
40 Jahre später, am 12. September 1948, feiert Ballwil das 100-Jahr-Jubiläum seiner Pfarrkirche und erinnert sich dabei auch ausdrücklich des Initianten und Bauherrn des Kirchenneubaus von 1847/48, Xaver Herzog. In einer umfangreichen Beilage des „Seethaler Boten“ stellt unser spätere Dorf-Historiker Joseph Bühlmann, damals noch Student, nicht nur die Geschichte Ballwils dar, sondern zeichnet auch ein Lebensbild des „alten Balbelers“, der in den Mittelpunkt der Gedenkfeier gerückt wird.
Und wie gefeiert wird! Ganz Ballwil ist auf den Beinen, sämtliche Dorfvereine machen mit. Der Festtag beginnt mit der Abholung „Seiner Gnaden Stiftspropst Franz Alfred Herzog durch ein Dragonerdetachement in Inwil. Nach dem Einzug in die Pfarrkirche zelebriert der Stiftspropst das feierliche Pontifikalamt, die Festpredigt hält der aus Ballwil stammende Professor und Prälat Burkhard Frischkopf. Am frühen Nachmittag marschiert nochmals alles auf, was Ballwil zu bieten. An der Dorfstrasse wird das schlichte Denkmal für Xaver Herzog, ein Brunnen mit Plakette, enthüllt und geweiht. Josef Vital Kopp, der ebenfalls aus Münster stammt, ein gescheiter Kopf und namhafter Autor, hält die Festansprache. Sogar ein Reporterteam von Radio Beromünster hat sich an diesem Tag in die Luzerner Provinz verirrt. Zum Abschluss stärken sich die geladenen Gäste im „Sternen“.
Von dieser denkwürdigen Feier gibt es im Pfarrarchiv ein Fotoalbum. Nur schon ein kurzes Blättern zeigt schlagartig, wie sich das Dorf, die kirchlichen Feiern und das Brauchtum gewandelt haben. Und dabei sind nur gerade 62 Jahre seither verflossen, und etliche Ballwilerinnen und Ballwiler, die damals als Turner, Sängerin oder Trachtenmädchen dabei waren, weilen heute noch als rüstige Senioren unter uns.
Die Wiederherstellung der Pfarrkirche von 1976/77 nach den Originalplänen bietet erneut Anlass, sich mit Xaver Herzog zu befassen. Nach einer längeren Vorgeschichte stimmen die Ballwiler Kirchgenossinnen und -genossen mit hauchdünner Mehrheit der stilgerechten Restaurierung zu. Jetzt erhält Ballwil wieder den hellen Kirchenraum mit seiner schlichten künstlerischen Ausstattung zurück, wie ihn Xaver Herzog und sein Architekt Johann Seidl konzipiert hatten. “Die Kirche von Ballwil besitzt heute zweifellos einen der überzeugendsten und eindrücklichsten Kirchenräume aus der Zeit des frühen 19. Jahrhunderts”, erklärt der damalige Denkmalpfleger André Meyer in der schönen Festschrift zur Renovation.
Seither erinnert auch eine Gedenktafel in der Kirche an den Kirchenbauherrn Xaver Herzog.
Etwas weniger aufwendig, aber durchaus festlich begeht Ballwil 1983 den 100. Todestag seines „alten Balbelers“. Eine besondere Note verleiht der Feier die Uraufführung des Blasmusikmarschs „De alt Baubeler“, den unser einheimische Musikant Ernst Lehmann zu diesem Gedenktag komponiert hat.
Mit Unterstützung der Gemeinde erscheint im Comenius-Verlag eine kleine Auswahl aus Herzogs Werk, die der Luzerner Sprachwissenschafter Walter Haas besorgt hat. Etwa zu dieser Zeit erhält eine kleine Zufahrtsstrasse zur Kirche den Namen Xaver-Herzog-Weg.
Der 200. Geburtstag Xaver Herzogs, der am 26. Januar 1810 geboren wurde, bietet uns eine willkommene Gelegenheit, erneut unseren „alten Balbeler“ in Erinnerung zu rufen. Sein Geburtsort Beromünster hat dies bereits auf eindrückliche Weise getan. Die Anregung kam vom Schriftsteller und Kantonsschullehrer Pirmin Meier, der heute als Referent mitwirkt.
Ob spätere Generationen noch Xaver Herzogs gedenken werden, soll uns heute nicht kümmern. Freuen wir uns, dass wir hier und jetzt Grund zum Feiern haben. Dabei geht es weder um eine Heiligsprechung des Gefeierten noch um die posthume Verleihung eines Literaturpreises – ich denke, beides wäre für unseren „alten Balbeler“ um einiges zu hoch gegriffen. Dass er sich selber realistisch einschätzte, bezeugt sein ironischer „Nachruf zu Lebzeiten“ aus dem Jahre 1861: “Mir ist, ich lese jetzt schon meinen eigenen Nekrolog und höre meine eigene Leichenrede. Was werden sie wohl bringen, die telegraphischen Drähte und die Zeitungen und Totenschauer? Da wird es heissen: Gestern früh, nach langem Krankenlager, verschied der bekannte Humorist H. in B., er war ein beliebter Volksschriftsteller u.s.f., dann werden sie meine einfältigen Sachen (—) durchgehen und aufzählen, und wenn sie genug gerühmt haben, wird eine Legion ‚aber‘ und ‚es ist nur schade‘ und ‚wenn er nur‘ dem Lobe nachreiten und alles durchstreichen, was sie Gutes von mir gesagt haben.“
In Ballwil ist es zum Glück nicht so weit gekommen. Für uns ist und bleibt Xaver Herzog in erster Linie der volksnahe Seelsorger, der witzige, humorvolle Erzähler, der kritische Staatsbürger mit Zivilcourage, der aufschlussreiche Zeitzeuge und der Erbauer unserer schönen Pfarrkirche. Dafür sind wir ihm dankbar.
Xaver Herzog , der „alte Balbeler“
Eine Skizze zu seinem 200. Geburtstag
1 Der “alte Balbeler” war auch einmal jung
Im 21. Jahrhundert laufen ihm einheimische Sportgrössen den Rang ab. Doch während mehr als hundert Jahren war der Pfarrer und Schriftsteller Xaver Herzog, der „alte Balbeler“, zweifellos unser berühmtestes Aushängeschild. Er galt weitherum als Inbegriff des witzigen, manchmal auch polternden Landpfarrers mit einer ausgeprägten politischen Ader. Um seine Person rankten sich Anekdoten, die noch lange nach seinem Tod im Umlauf waren.
Manchen Leuten mag Xaver Herzog oder der „alte Balbeler“ zwar zumindest dem Namen nach auch heute noch bekannt sein. Immerhin steht zu seinen Ehren ein Brunnen mit Gedenktafel mitten in unserem Dorf. Seine Schriften hingegen, von der humoristischen Erzählung bis zum kämpferischen Pamphlet, sind fast ausnahmslos längst aus den Regalen verschwunden. Zu sehr waren sie dem Bedarf und Geschmack ihrer Entstehungszeit verpflichtet.
Sein wohl wichtigstes Werk jedoch hat unverrückbar dem Verfall widerstanden: unsere Pfarrkirche. Xaver Herzog hat in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts den Bau dieser damals ganz neuartigen Kirche massgeblich initiiert, vorangetrieben und auch architektonisch mitgeprägt. 1847/48 wurde das neue Gotteshaus vollendet, 60 Jahre später im Innern bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet und 1976/77 nach den ursprünglichen Plänen innen und aussen umfassend renoviert. 1997 feierte die Pfarrei das 150jährige Bestehen der Pfarrkirche mit einer Reihe verschiedener Veranstaltungen.
Ein „echter“ Ballwiler war nun der alte Balbeler allerdings auch wieder nicht. Und er war auch nicht immer so alt oder altväterisch, wie man ihn sich vorstellen mag. Im Gegenteil, als junger Mensch soll er ziemlich bewegte Studienjahre verbracht und als Gelegenheitsmusikant in Wirtshäusern für aufgeräumte Stimmung gesorgt haben. Zum „alten Balbeler“ machte der Volksmund den erzkonservativen, aber originellen Pfarrer von Ballwil erst viel später, als Xaver Herzog als Chorherr in seinen Heimatort Beromünster, der damals ganz offiziell noch Münster oder „Möischter“ hiess, zurückkehrte und schon bald darauf, am 22. Dezember 1883, starb.
Xaver Herzog ist also ein „Möischterer“. Er wurde am 25. Januar 1810 im historischen Flecken geboren, als Sohn einer alteingesessenen Bürgerfamilie. Eine Gedenktafel am Geburtshaus erinnert an den Volksschriftsteller und Pfarrer von Ballwil. Sein Heimatort Beromünster wird den 200. Geburtstag Xaver Herzogs mit einer Gedenkfeier, die am Sonntag, 24. Januar, stattfinden wird, und mit einer wissenschaftlichen Tagung im Oktober 2010 begehen. Auch an seinem Wirkungsort Ballwil wird man Leben und Werk des alten Balbelers in Erinnerung rufen.
2 In jungen Jahren ein Kind seiner unruhigen Zeit
Als Xaver Herzog vor genau 200 Jahren geboren wurde, war so manches ganz anders als heute. Trotz den politischen und sozialen Umwälzungen im Gefolge der Französischen Revolution und der Helvetik prägte damals das Chorherrenstift mit seiner grossen Kulturtradition weiterhin das Geschehen und Lebensgefühl im alten Flecken Münster. Zwar hatten noch wenige Jahre zuvor, an der Jahrhundertwende, die Bürger und Bauern beim Tanz um den Freiheitsbaum im Flecken den Anbruch einer neuen Freiheit gefeiert. Der revolutionäre Elan verebbte aber schon bald, und man kehrte zur alten Tagesordnung zurück, wo Propst und Kirche nach wie vor viel zu sagen hatten. Eine Zeitlang spekulierte man sogar auf den Bischofssitz eines neu zu gründenden schweizerischen Bistums. „In Münster, mehr als in Berlin und Wien, ist einer übel dran, wenn er es mit dem Klerus nicht kann“, schrieb Herzog einmal und fuhr fort: “Es spielt sich da auf einem kleinen Raum die ganze Kirchen-, wenn nicht Weltgeschichte ab, der Kulturkampf – man kann sagen – in einer Nussschale, indem der Flecken den Staat, das Stift die Kirchen vorstellen tut.”
Man sollte sich deshalb das damals so viel schlichtere Leben im Flecken nicht zu eintönig vorstellen. Es war eine kleine, aber bunte Welt, bevölkert von Heiligmässigen und Missetätern, Charakterköpfen und Duckmäusern, Behäbigen und armen Schluckern. Im Werk des späteren Volksschriftstellers und Pfarrers von Ballwil hinterliess die Jugendzeit im Flecken durchaus ihre Spuren. Als aufgewecktes Kind einer grossen und angesehenen Handwerkerfamilie – sein Vater Adam Herzog betrieb an der Hauptgasse die „untere Schmitte“ – nahm er am Leben in Werkstatt, Flecken und Stift regen Anteil. “Ich weiss noch sehr wohl”, erinnerte er sich später, “dass wir Kinder zusahen, wie sie Rosseisen schmiedeten, der Vater uns auf die Feilenbank setzte und einen Hauenstiel einsetzte, hinter welchem Sperrsitz wir sodann dem Spiel der Zyklopen und der feurigen Funken zusahen.”
Auf eine behütete Kindheit folgten bewegte Lehr- und Wanderjahre, die den Lateinschüler und Studenten zeitweise in andre Fahrwasser brachten, als sie vom Elternhaus vorgezeichnet waren. Der Sprachwissenschafter Walter Haas, der 1983 ein schönes Auswahlbändchen herausgab, schildert die Irrungen und Wirrungen des jungen Herzog, knapp und treffend: „Die elterliche Wohlhabenheit ermöglichte dem äusserst mässigen Schüler einen aufwendigen Bildungsgang, der ihn nach St. Urban, Freiburg im Üechtland, immer wieder mal nach Luzern und schliesslich sogar nach Tübingen führte; überall war er als Unterhalter und Musikant in der Wirtsstube erfolgreicher als im Klassenzimmer. Damals nun war er auch Mitglied der Luzerner Sektion des freisinnigen Studentenvereins der Zofinger, und er half 1832 sogar die noch radikalere Helvetia gründen. Auf diesen verschlungenen Pfaden geriet das geistliche Ziel mehrmals fast aus den Augen. Erst die anderthalb Jahre in Tübingen machten aus dem aufmüpfigen Helveter den lebenslangen ‚Römling‘…“. So war der „alte Balbeler“ in jungen Jahren ganz und gar ein Kind seiner unruhigen Zeit.
3 Aus dem “fidelen Herzig” wird doch noch ein Priester
Der Weg Xaver Herzogs zum Priesteramt war also nicht so gradlinig, wie man es vom später derart strenggläubigen und vorbehaltlos romtreuen Pfarrer von Ballwil hätte vermuten können. Als Student der Theologie geriet Herzog in Luzern anfangs der Dreissigerjahre des 19. Jahrhunderts in den Strudel der kirchenpolitischen Händel zwischen Liberalen und Konservativen. Im Herbst 1833 zog er zusammen mit anderen Luzerner Studenten ins süddeutsche Tübingen. „Es war höchste Zeit, dass er Luzern verliess. Der Geist der Kritik war bereits in ihn gefahren“, schreibt Elisabeth Egli, vielleicht etwas augenzwinkernd, in ihrer auch heute noch höchst lesenswerten Dissertation über Xaver Herzogs Leben und Werk aus dem Jahre 1945.
Das Studium an der berühmten Theologischen Fakultät der Tübinger Universität wurde für den jungen Freigeist aus konservativem Haus in der Tat zum Schlüsselerlebnis. Entgegen ihren Erwartungen kamen die Luzerner nicht in eine liberale Hochburg, sondern in eine zwar geistig regsame, aber durchwegs kirchentreue theologische Lebensschule. So bedeutende Köpfe wie die Theologen Möhler und Hirscher prägten den Geist der Fakultät. Xaver Herzog begeisterte sich vor allem für die praktische Theologie von Johann Baptist Hirscher. Elisabeth Egli rühmt die damalige Tübinger Fakultät dafür, „dass die katholischen Theologen nicht mehr mit lebensfremden, abstrakten Vorstellungen ihre Pastoration antraten, sondern aus einer Schule des lebendigen Glaubens neue religiöse Begeisterung in Pfarrhöfe hinaustrugen, die bisher eher Philosophenstuben geglichen hatten als Mittelpunkten einer Kirchgemeinde.“
Der geistig-religiöse Schub von Tübingen scheint Xaver Herzogs ernste Absicht, Priester zu werden, gefestigt zu haben. Sein angeborener Froh- und Leichtsinn kam ihm deswegen aber nicht etwa abhanden. Namentlich in Studentenkreisen war er weiterhin als „fideler Herzig“ oder „Baron von Münster“ bekannt und wohlgelitten. Und als er im Frühling 1835 über Würzburg und Frankfurt in die Schweiz und nach Hause zurückkehrte, erreichten ihn dort dringende Mahnschreiben der Löwenwirtin zu Tübingen, seine Schulden endlich zu begleichen…
Nach einem letzten Semester an der Theologischen Lehranstalt von Luzern zog sich der Priesteramtskandidat jedoch immer mehr aus dem studentischen Leben zurück. Da damals in Luzern kein Priesterseminar bestand, ging Herzog zu einem Chorherrn in Beromünster sozusagen in die Lehre, um in die Liturgie eingeführt zu werden. Im Oktober 1835 bestand er das Zulassungsexamen, am 2. Februar 1836 wurde er von Bischof Salzmann zum Priester geweiht, zwölf Tage später hielt er Primiz in der Stiftskirche des Heimatortes. Aus heutiger Sicht mag es erstaunen, wie kurz und dürftig damals die Ausbildung zum Priester war. Zwar zählte Xaver Herzog bei der Priesterweihe 26 Jahre; davon waren aber etliche eher verbummelt, während das ernsthafte Studium der Theologie samt Einführung in die praktische Seelsorge kaum drei Jahre dauerte. Bei anderen Berufen dürfte es sich damals allerdings nicht anders verhalten haben.
4 Wie der Vikari das Bauern lernt und Baubeler Pfarrer wird
Nur zu gerne möchten wir wissen, wie im Februar 1836, wohl noch zur kalten Winterszeit, im alten Flecken Münster die Primiz unseres Xaver Herzog gefeiert wurde. Man mag geneigt sein, sich eine aufwändige, standesgemässe geistliche und weltliche Feier auszumalen. Doch Elisabeth Egli, die zuverlässige Biografin, erwähnt lediglich, dass Herzog am 14. Februar 1836 seine erste heilige Messe auf dem Allerheiligenaltar der Stiftskirche gelesen habe. Zur anschliessenden Feier habe Propst Ludwig Meyer von Schauensee, sein Firmpate und geistlicher Vater, die Familie in die Propstei eingeladen. Das tönt eher nach halbprivatem Anlass als nach breit angelegter Volksfeier.
Wie auch immer der grosse Festtag verlaufen sein mag – für den jungen Geistlichen war es der Auftakt zu einem langen Priesterleben, das eher im Abseits begann. Durch Vermittlung eines früheren Luzerner Theologieprofessors kommt Xaver Herzog zunächst als Vikar nach Wolhusen zu einem eifrigen Pfarrer, der sich vor dem Theologiestudium in Yverdon beim berühmten Pädagogen Heinrich Pestalozzi zum Lehrer hat ausbilden lassen. Der neue Vikar scheint aber den Draht zum fortschrittlichen Lehrmeister nicht so richtig zu finden. Schon nach einem halben Jahr wechselt er ins kleine, idyllische Eich am Sempachersee, wo sich der betagte Pfarrer Johann Heinrich Zülli nicht nur seinen Schäfchen, sondern auch der eigenen Landwirtschaft widmet. Herzog muss offenbar bei Heuet und Obsternte ebenfalls tüchtig Hand anlegen und fühlt sich wohl dabei. Jedenfalls bezeichnet er später – vielleicht zum Erstaunen der Ballwiler – die vier Jahre in Eich als den „schönsten Teil seines Lebens“.
Dennoch regt sich bei Herzog der Wunsch nach „pfarrherrlicher Selbständigkeit“ (Elisabeth Egli). Da in Luzern zu dieser Zeit eine liberale Regierung am Ruder ist, stehen die Chancen des bekennenden Konservativen, sich eine vom Staat zu vergebende Pfründe zu sichern, nicht eben günstig. Ende 1840 lässt er sich zum Kaplan der Stiftskirche seines Heimatortes wählen. Doch die Bürgerschaft verweigert ihm das mit der Kaplanei verbundene Amt eines Pfarrhelfers an der Pfarrkirche St. Stephan. So wird sein Aufenthalt im heimatlichen Münster zum kurzen, enttäuschenden Intermezzo. Im Herbst 1841 bewirbt er sich um die im Kantonsblatt ausgeschriebene Pfarrerstelle in Ballwil – mit Erfolg.
Der Abschied von Beromünster dürfte Xaver Herzog unter diesen Umständen, trotz seiner inneren Bindung an Familie und Herkunftsort, leicht gefallen sein. Und überdies lockte ihn das anmutige Seetal, die Heimat des von ihm hoch verehrten Ratsherrn Joseph Leu von Ebersol, mit seiner selbstbewussten bäuerlichen Bevölkerung und sichtbaren Spuren einer bedeutsamen Vergangenheit. Inzwischen hatte übrigens im Kanton Luzern der politische Wind gedreht. Im Frühjahr 1841 waren zwei denkwürdige Abstimmungen über die kantonale Verfassungsrevision zugunsten der von Leu angeführten katholisch-demokratischen Partei ausgegangen. Der Jubel sollte indessen von kurzer Dauer sein – wenige Jahre später wird Xaver Herzog als Pfarrer von Ballwil die Wirren des Sonderbundskrieges hautnah mit erfahren.
5 Wie der junge Pfarrer zum fortschrittlichen Kirchenbauherr wird
Als Xaver Herzog am 17. Oktober 1841 hier seinen „Aufritt“ hatte, zählte Ballwil mit weniger als tausend Seelen nicht zu den grossen Pfarreien im Seetal. Dennoch war seine Pfarrkirche aus dem Jahre 1711 schon seit Jahrzehnten zu klein, um an Sonn- und Feiertagen die Gläubigen zu fassen. Durch die so genannte Abründung zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Pfarrei an Umfang bedeutend zugelegt. Und weil laut Volksmund eine neue Kirche einen neuen Pfarrer will, verknüpften sich mit dem Pfarrerwechsel von 1841 entsprechende Hoffnungen.
Pfarrer Herzog schien dem Wunsch nach einem grösseren Gotteshaus nicht abgeneigt. Vorher musste er allerdings von der schweren Krankheit genesen, die ihn kurz nach Amtsantritt an den Rand des Todes gebracht hatte. Dann aber machte er sich zügig ans Werk. Es ging zunächst darum, das Bauvorhaben den Kirchgenossen so schmackhaft zu machen, dass es ihnen auch eine grosszügige Gabe wert war. Schon im Herbst 1842 sieht man den neuen Pfarrer zusammen mit dem Kirchmeier auf Betteltour von Haus zu Haus. Die Sammler werden, so berichtet Xaver Herzog, “überall freundlich aufgenommen; aber verschieden, wie die Häuser selber, sind auch die Leute, und eben so verschieden ihre Gesinnung, wie ihre Gaben. Man merkte bald was in einem Hause geschlagen, was Trumpf ist, und wie man über den Kirchenbau gesinnt sei und was man über ihn verhandelt habe.”
Die Mittelbeschaffung war indessen nicht die einzige Hürde, die der baufreudige Pfarrer zu überwinden hatte. Gegen das architektonisch neuartige Projekt regte sich nämlich Widerstand. Der in jungen Jahren weitgereiste Xaver Herzog war eben nicht nur der stockkonservative Haudegen, als der er der Nachwelt gerne dargestellt wird. So suchte er für den Neubau der Ballwiler Pfarrkirche nach neuen Ausdrucks-formen. Vom herkömmlichen Luzerner Kirchenbauschema, das sich an die barocke Tradition der Gegenreformation anlehnte, hielt er nicht viel. Im Geiste der Romantik setzte er sich für eine Rückbesinnung auf die frühchristliche und mittelalterliche Formensprache ein. Ein junger Architekt aus Bayern namens Johann Seidl, der damals in Luzern und Altdorf tätig war, lieferte ihm ein entsprechendes Projekt, das einen klassizistischen Saalbau mit neubyzantinischen Elementen vorsah.
Auf die Leute von Ballwil mussten Seidls Pläne zuerst neu und fremd wirken. So blickte ihr Pfarrer dem Entscheid der Kirchgemeindeversammlung vom 27. August 1846 denn auch mit einiger Beklommenheit entgegen. Im vorausgehenden Sonntagsgottesdienst forderte er „mit zitternder Stimme“, wie er später bekannte, das Kirchenvolk auf, fünf Vaterunser zu beten, “um von Gott den rechten Geist zu erflehen“. Die anschliessende Versammlung verlief dann aber problemlos, das im Geist der Zeit fortschrittliche Projekt von Seidl fand einhellige Zustimmung. Bald schon konnte gebaut werden – am Standort der alten Kirche, die vorher noch abgerissen werden musste. Nur der erst 1814 errichtete Turm blieb stehen, da er in das neue Projekt integriert werden sollte. Und als es ans Bauen ging, brach der Sonderbundskrieg aus…
6 Wie der Kirchenbau trotz Kriegswirren zu einem guten Ende kommt
Nach dem Ja der Kirchgenossen zur neuen Ballwiler Pfarrkirche wollte Pfarrer Herzog im Herbst 1846 rasch ans Werk gehen. Wilhelm Keller aus Schongau, der es später mit seinen neugotischen Kirchen zu einiger Berühmtheit bringen sollte, sowie der Einheimische Candid Muff erhielten den Zuschlag für die Ausführung der Pläne des bayrischen Architekten Johann Seidl. Die Skepsis gegen das neuartige Bauwerk war mit dem positiven Volksentscheid allerdings noch lange nicht ausgeräumt. Der Pfarrer liess sich indessen durch das Nasenrümpfen über den auswärtigen Architekten nicht verdriessen. Vielmehr stieg er immer wieder höchst persönlich auf das Baugerüst, um zum Rechten zu sehen, und legte mitunter auch selber Hand an. Die Gottesdienste wurden während der Bauzeit draussen in Gibelflüh gehalten, wo die Kapelle mit einem Holzverschlag provisorisch erweitert worden war.
Die Bauzeit stand nicht nur unter einem guten Stern. Zuerst machten viele Regentage den Bauleuten das Leben schwer. Und als es dann im Herbst ans Eindecken ging, wurde das Land in Kriegszustand versetzt. Dringend benötigte Handwerker und Fronarbeiter wurden sozusagen vom Bauplatz weg in den aussichtslosen Kampf der Sonderbundstruppen gerufen. Das ganze „Leiterli“ hinauf bis zum General bemühte sich die Gemeinde Ballwil um Beurlaubung des „accordierten“ Spenglermeisters. Nach Mitte November spitzte sich die Lage zu. Das ganze Gebiet nördlich der Reuss- und Emmenlinie wurde geräumt. Ballwil lag somit in Feindesland. Flüchtige Geistliche klopften beim Ballwiler Pfarrhaus an “mit ungeheuer desparaten Gesichtern, so dass sie nicht einmal mehr Wein trinken mochten”, wie später Xaver Herzog die missliche Situation drastisch schilderte.
Vom Inwilerberg aus beobachtete Pfarrer Herzog die Truppenbewegungen im Raum der Gisiker Reussbrücke, wo am 23. November das entscheidende Gefecht zwischen dem Sonderbundsheer und den eidgenössischen Truppen ausgetragen wurde. Statt Kriegslärm herrschte jedoch schon bald Grabesruhe. „Da kam eine Frau und verkündete dem Pfarrer: der Krieg sei aus, der Sonderbund habe abgegeben“. Er wollte die Kunde zuerst nicht wahrhaben, doch ein zurückkehrender Soldat bestätigte sie. Für den konservativ gesinnten Herzog war sie niederschmetternd, wie er mit eigenen Worten beschreibt: “Ach! Wie war das doch ein Schwert durch unsere hoffnungsvolle Seele, durch unser ganzes Leben. Herr, dein Wille geschehe! Als ginge er in die Verbannung nach Sibirien, so kehrte der Pfarrer langsam heim; kaum mochte er seinen Blick auf die Kirche richten, doch sah er, dass die Zierathen auf dem Dache weg seien, man hielt sie feindlicherseits für einen Telegraph und wollte sogar das Thürmchen beschiessen.”.
Allen Unbilden des Wetters und des Krieges zum Trotz konnte am 8. Dezember 1847 die halbfertige Kirche mit ihren noch kahlen Wänden eingesegnet und von diesem Tag an als Gotteshaus benützt werden. Eine Baselbieter Einheit der siegreichen eidgenössischen Truppen, die in Ballwil einquartiert war, hatte sich bereit erklärt, bei der feierlichen Einsegnung Parade zu stehen. War das, nach dem entsetzlichen Bruderzwist, nicht als deutliche Geste des Friedens zu verstehen?
7 Wie der Seelsorger die Schriftstellerei entdeckt
Mit der schmachvollen Niederlage der katholischen Kantone im Sonderbundskrieg (1847) brach für Pfarrer Herzog eine Welt zusammen. Er hatte den Bruderzwist „ganz im Zeichen eines Religionskrieges“ gesehen, wie seine Biografin Elisabeth Egli feststellt, als Kampf zwischen religiösen und weltlichen Kräften, letztlich zwischen Gut und Böse. Man kann sich heute in unseren Breitengraden eine derart aufgeheizte Stimmung kaum mehr vorstellen. Entfernte Anklänge an die aktuellen weltweiten Auseinandersetzungen um den Fundamentalismus islamischer Prägung sind allerdings nicht von der Hand zu weisen, auch wenn die konkreten geschichtlichen Rahmenbedingungen grundverschieden sein mögen.
Die Niederlage der Sonderbundstruppen, am 24. November 1847 besiegelt im Gefecht von Gisikon, traf den Ballwiler Pfarrer doppelt, weil er lange Zeit an einen guten Ausgang dieses Ringens um die künftige Verfassung des Landes geglaubt hatte. Xaver Herzog zählte in den Vierzigerjahren zum engeren Freundeskreis des charismatischen Anführers der katholisch-demokratischen Bewegung, Joseph Leu von Ebersol. In ihm erblickte er einen Retter, von Gott „zum Moses bestimmt, dass er sein Volk befreie aus den Händen der Radikalen“. 1845 fiel Joseph Leu einem politisch motivierten Mord zum Opfer, ein Ereignis, das die Luzerner Landbevölkerung im Innersten aufwühlte.
Pfarrer Herzog schilderte Person und Wirken des Ermordeten im Aufsatz “Einige Bilder aus dem Leben des Joseph Leu sel. von Unterebersol”, der in zwei Zeitungen und als Sonderdruck erschien. Es war sozusagen das Gesellenstück des Schriftstellers Xaver Herzog, das vorab beim ländlichen Publikum überaus gut ankam. Schon bald erschienen die “Achtzehn neuen, lustigen Briefe, gewechselt zwischen einem katholischen und reformierten Geistlichen”. Das Büchlein schickte er dem angesehenen Jeremias Gotthelf in Lützelflüh zu, dem er sich, ungeachtet der unterschiedlichen Konfession, im Kampf gegen Radikalismus und Juristenregiment verbunden fühlte. Zudem wurde er Korrespondent einer süddeutschen Kirchenzeitung, die seine ungeschminkten, aber auch oft polemischen Berichte aus der Schweiz ohne Zensur veröffentlichte.
Xaver Herzog war kein Kind von Traurigkeit. So hat ihn die schmerzliche Niederlage des Sonderbunds nicht lange gelähmt. Vielmehr stachelte sie ihn schon bald zu neuen Taten an. Als wirksamste Waffe gegen den nach seiner Auffassung religionslosen neuen Staat blieb ihm, dem schreibfreudigen Geistlichen, „nur die Feder und das schlagfertige Wort“. Er bekämpfte den Gegner mit der „zeitgemässen Waffe der Presse“ und dachte in dieser Beziehung „moderner als mancher Parteiführer“ (Elisabeth Egli). Seine journalistische und schriftstellerische Produktion war jetzt nicht mehr zu bremsen. Ab 1853 publizierte er sogar eine eigene, jährlich erscheinende Zeitschrift, den „Katholischen Luzernerbieter“. Für Ballwil und für die Architekturgeschichte bis heute von besonderem Interesse ist seine detaillierte Beschreibung des Ballwiler Kirchenbaus in der Form eines Taschenbuchs.
8 Wie der schreibende Landgeistliche links und rechts aneckt
Was haben wohl die biederen Ballwiler annodazumal von der Schriftstellerei ihres rührigen Pfarrers gehalten? Dass Xaver Herzog neben seiner Seelsorge fleissig die Schreibfeder zückte, musste bei seinen Pfarrkindern gewiss Neugierde wecken, aber da und dort auch Kopfschütteln verursachen. Beim ländlichen Publikum kam der kämpferische, jedoch stets humoristisch gefärbte Ton des schreibenden Ballwiler Pfarrers vorwiegend gut an. Anders bei der liberalen Presse, die über den „frivolen Zionspfaffen“ schimpfte und ihm vorwarf, selbst auf der Kanzel könne er das Witzereissen nicht lassen.
1853 erschien erstmals der “Katholische Luzernerbieter”, ein rund 70 Seiten starkes Heftchen, mit dem Xaver Herzog sozusagen seine Hauszeitung schuf – zuerst anonym, “von einem Landgeistlichen”, doch schon bald war es ein offenes Geheimnis, wer dahinter steckte. Bis 1860 kam der “Luzernerbieter” zweimal jährlich heraus, später nur noch sporadisch. Die Hefte enthielten eine bunte Mischung von Erbaulichem, Erzählungen, Informationen, Reiseberichten und politischen Kommentaren. Wenn es um (Kirchen-) Politik ging, kämpfte Herzog mit offenem Visier: “Du sollst nicht liberal sein”, lautet etwa der Titel eines Leitartikels von 1869. Auf mehr als 20 Seiten reitet da der Pfarrer von Ballwil eine Attacke gegen den Zeitgeist und kommt zum Schluss: “.wenn der römische Papst nicht kann und nicht soll liberal werden, so darf und kann es auch kein Bischof, kein Priester, keine Regierung und kein einzelner Katholik!”
Herzog griff aber auch Themen auf, die weit über die Tagespolitik hinausgingen. So setzt er sich 1861 mit der Frage auseinander, warum die Katholiken ärmer seien als die Protestanten. Er verdeutlicht dies an offenkundigen Gegensätzen zwischen Zofingen und Willisau, zwischen “Reinach mit seinen Spinnereien und Münster mit seiner Hintergass”. Damit nimmt er eine brisante Fragestellung vorweg, der später berühmte Wirtschaftstheoretiker grosse Abhandlungen widmen werden. Herzog jedoch geht mit dem schwierigen Stoff ganz nach seiner Art um – mit leichter Hand: Bald schweift er ab und erzählt Anekdoten aus der eigenen Jugend, bald schiesst er Pfeile nach links und rechts und bricht dann die Diskussion kurzerhand ab. Dennoch enthält der Aufsatz aufschlussreiche Hinweise auf Lebensarten und Denkmuster, die das 19. Jahrhundert hierzulande prägten, ganz abgesehen von den amüsanten Müsterchen, die der Autor reichlich einstreut.
Weniger bekannt, aber im Rückblick bedeutsamer als die politischen Schriften waren jene Abhandlungen Herzogs, in welchen er sich mit der innerkirchlichen Reform beschäftigte. So machte er sich für eine bessere, praxisnähere Ausbildung der jungen Theologen stark. Mit seinen Anregungen stiess er lange nicht überall auf Gegenliebe. „Während also Herzog bei der liberalen Geistlichkeit als Römling verschrien war, wurden anderseits seine Anregungen als zu neu und zu gewagt abgelehnt“, stellt Herzogs Biografin Elisabeth Egli fest.
9 Wie selbst der Geschichtenerzähler Seelsorge betreibt
„Was die folgende, nicht bloss ganz weltliche, sondern überdies noch weibervolkliche Geschichte dem menschlichen Geschlechte und den Lesern des Luzernerbieters nütze, das weiss ich selber nicht recht; aber ich hoffe, sie werde doch wenigstens nicht schaden…“ In solch munterem Plauderton eröffnet Xaver Herzog seine Erzählung Wie’s Babeli zu einem Mantel kommt und lässt gleichzeitig durchblicken, dass eine erzählte Geschichte in aller Regel dem Menschen und seiner Moral nützen sollte. Es ist dies sogar das entscheidende Motiv für seine volkstümliche Schriftstellerei. Ihm geht es darum, seine religiösen und politischen Überzeugungen und die Anliegen des Seelsorgers auf unterhaltsame Art wirksam unter das Volk zu bringen.
Und er hat auch das Zeug dazu – dank seiner ungekünstelten Volksnähe, seinem Humor, seiner Lust am Fabulieren und seinem Hang zum Kuriosen, zu Schwank und Satire. Zudem ist er ein talentierter, allerdings unsorgfältiger, rascher Schreiber, in dessen Deutsch die Mundart mehr als nur durchschimmert. Es scheint, als schreibe er einfach so dahin. Das Feilen und Hobeln am sprachlichen Ausdruck liegt ihm nicht. „Wie es mir kommt, so schreibe ich es, und wie ich’s geschrieben habe, so schick ich es ab und damit basta“, hält er seinen Stilkritikern selbstbewusst entgegen.
Xaver Herzogs erzählerisches Werk umfasst zwar eine Unmenge von Titeln, aber vieles davon ist „Kurzfutter“: Kalendergeschichten und Gelegenheitsprodukte. Immerhin sind elf umfangreichere Erzählungen in Buchform erschienen, so etwa Der Idealist, oder eine Pastoral aus dem Leben in Form einer Novelle, oder Der Pfarrer Isidor und wie es ihm mit dem „Bauern“ ergangen. Es sind eine Art Priesterromane, stark aus dem persönlichen Erleben geschaffen und immer der Gegenwart verhaftet. Die realistischen Schilderungen aktueller Zustände, oft mit ironischer Note versehen, gefielen dem einfachen Publikum, nicht aber dem politischen Gegner. Auch beim Klerus herrschte nicht nur Freude über die unbekümmerte Erzählweise des geistlichen Mitbruders.
“Im Mittelpunkt seiner Erzählungen steht .der Kampf der Kirche um ihre Rechte und um die Reinheit ihrer Lehre”, hält Elisabeth Egli in ihrer Darstellung fest. Dass eine so absichtsvolle Literatur dennoch als süffige Lektüre den Weg zur Volksseele fand, ist der besonderen Gabe des Autors zuzuschreiben. Ihn deswegen mit Jeremias Gotthelf zu vergleichen, wie dies eine Zeitlang versucht wurde, wäre allerdings abwegig. Der “alte Balbeler” war als Erzähler zu sehr an Zeit und Zweck gebunden, um zeitlose und tiefgründige Werke zu schaffen. Walter Haas sagt es in seiner Ausgabe der “Luzerner Poeten” (1983) treffend: “Der alte Balbeler ist kein ‘Numero-Eins-Stern’ am Dichterhimmel. Immerhin aber gehört der mutige und originelle Querkopf in unsere bescheidene Sammlung der Luzerner Poeten – schon des unnachahmlichen Klangs seiner Drehleier wegen.”
10 Eine Frohnatur widmet sich den Verblichenen
Der „lustige Balbeler“, wie er zu Lebzeiten oft genannt wurde, war auch als Schriftsteller mit den letzten Dingen vertraut. So verfasste Xaver Herzog neben seinen bissigen Kommentaren und heiteren Erzählungen reihenweise Nachrufe auf verstorbene Amtsbrüder. Einige dieser Nekrologe zählen wohl zum Besten von dem, was so reichlich aus seiner Feder floss.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begegnete der Tod den Menschen noch viel direkter und häufiger im gewöhnlichen Alltag als heute. Die Kindersterblichkeit war hoch, die Lebenserwartung tief, und die meisten Menschen starben, oft jung, daheim in den eigenen vier Wänden. Die Trauer der Angehörigen und die Anteilnahme der Nachbarn verschaffte sich in einem vielfältigen Totenbrauchtum Ausdruck. Als Dorfpfarrer hatte Xaver Herzog täglich mit Krankheit und Sterben zu tun: Krankenbesuche, Versehgänge, Beerdigungen und Jahrzeiten gehörten zu seinen selbstverständlichen Seelsorgepflichten. Und dazu kam für den schreibgewandten Kleriker eben noch das Verfassen von Nachrufen auf verstorbene Priester.
Zwischen 1861 und 1868 veröffentliche Xaver Herzog diese Nekrologe in fünf Sammelbändchen unter dem schwülstigen Titel „Geistlicher Ehrentempel oder Pyramide der Unsterblichkeit, das ist Lebensbeschreibungen etwelcher Geistlichen aus dem katholischen Luzernerbiet“. Darin widmet er sich aber lange nicht immer nur der Person des Verblichenen. Es ging ihm auch um eine allgemeinere Darstellung der Lebensumstände des damaligen Klerus, der kirchen- und staatspolitischen Kleinkriege und der menschlichen Schwächen der Seelsorger und ihrer Pfarrkinder.
So freundlich und respektvoll er einen Amtsbruder würdigen mochte, scheute er sich auch nicht, dessen Schattenseiten zumindest anzudeuten. Man munkelte nicht umsonst, der eine oder andere Luzerner Geistliche habe zu Lebzeiten versucht, sich mit einer Gefälligkeit beim Balbeler Pfarrer von der Gunst eines Nachrufs aus dessen Feder loszukaufen. Jedenfalls ergeben Xaver Herzogs Nachrufe ein aufschluss-reiches Bild des Luzerner Klerus und des kirchlichen Lebens in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Als Reaktion auf kirchen- und kleruskritische Tendenzen wurde damals das Priesteramt in kirchlichen Kreisen stark aufgewertet und überhöht. Xaver Herzog trug mit seinen Schriften kräftig dazu bei, war aber auch konsequent genug, im Gegenzug eine bessere Ausbildung der jungen Kleriker zu fordern. Wie schon in seinen Erzählungen verstand er es ebenso in seinen Nekrologen, mitunter seine eigenen Ansichten und Anliegen einzubringen. So auch im weit ausholenden Nachruf auf seinen Vorgänger in Ballwil, Josef Rudolf Achermann, zu seiner Zeit eine ebenfalls bekannte Persönlichkeit. In dessen Lebensbeschreibung flicht Herzog die Frage ein; „ob nicht eine Art geistlicher Akademie in’s Leben zu rufen wäre, durch welche mehr wissenschaftliche Thätigkeit unter den Pastoralklerus gebracht und zugleich regulirt werden könnte…“. Mit dieser Anregung betrat der „alte Balbeler“ durchaus neue Wege, und es war nicht das einzige Mal, dass sich der Erzkonservative dem Fortschritt öffnete.
11 Wie sich der Pfarrer nur ungern von seinen Pfarrkindern trennte
Wie so mancher Mensch erscheint uns in der Rückschau auch der „alte Balbeler“ alles andere als spannungsfrei: Er war ein rühriger Schriftsteller und hatte es doch gerne gemütlich; er empfing Gäste aus nah und fern und durfte trotzdem seine Pfarrkinder nicht vernachlässigen; er war oft viele Wochen lang unterwegs auf Reisen und blieb im Herzen seiner Luzerner Heimat dennoch eng verbunden. Auch sein äusseres Bild, wie es Elisabeth Egli in ihrer Biographie zeichnet, trägt überraschende Züge: „Von mittelhoher Statur, wohlbeleibt, den grossen blonden Bauernkopf behaglich auf die Halsbinde gestützt, mit Augen, die unter einer hellen Stirn die ganze lachende Breite des Gesichtes einnehmen, den Mund zu einem eher derben als geistreichen Scherzwort geöffnet, so steht er da, eher bäuerlicher Stammvater als Nachkomme eines Geschlechts von Geistlichen und Gelehrten, ein selbstbewusster, selbstsicherer Mann, der Naturgenie zu besitzen glaubte, ein Schul- und Paragraphenverächter zeit seines Lebens, aber ein Pfarrer, der sich von seinen Grundsätzen so wenig abmarkten liess wie ein Bauer von seiner Matte.“
Anders als über den Schriftsteller und den Kirchenbauherrn weiss man über den Seelsorger Xaver Herzog nicht viel Gesichertes. Doch ein schönes und glaubwürdiges Zeugnis seines Wirkens stammt ausgerechnet von einem Liberalen, von Heinrich Ineichen, einem hoch interessanten Zeit- und Dorfgenossen Herzogs. Obwohl die beiden das politische Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten und sich auch vom Naturell her kaum glichen, haben sie sich doch verstanden und respektiert. In seinen Erinnerungen, von Franz Felix Lehni 1987 herausgegeben, attestiert Heinrich Ineichen seinem Pfarrer nicht nur eine selten starke Volksverbundenheit, sondern auch „ein Christentum der Liebe, das das Leben befruchtet und es trägt“.
Aus Heinrich Ineichens Aufzeichnungen erfahren wir zudem, wie schwer sich der altersgeschwächte Xaver Herzog mit dem längst fälligen Rückzug in den Ruhestand tat. Nachdem er sich 1883, nach 42 Amtsjahren, endlich zum Entlassungsgesuch und zum Eintritt ins Chorherrenstift Beromünster durchgerungen hatte, trennte sich der Pfarrherr nur ungern von seiner Pfarrei und vom geliebten Seetal. Nochmals Heinrich Ineichen: “Der Abschied fiel ihm schwer. Die Abschiedsrede war kurz, aber herzlich. In Münster waren Sinn und Gedanken immer nach Ballwil gerichtet; in seiner Heimat war er fremd geworden. Schon am 22. Dezember desselben Jahres ereilte ihn der Tod. Eine grosse Zahl seiner Pfarrkinder begleitete ihn am 26. Dezember in Münster zu Grabe. Gott habe ihn selig, die gute Seele!”
In Ballwil ist die Erinnerung an Pfarrer Herzog lange lebendig geblieben, und auch heute ist der „alte Balbeler“ zumindest der älteren Generation noch ein Begriff. Gelesen werden seine Schriften allerdings kaum mehr. Als ungeschminkte Zeitzeugnissse sind sie indessen immer noch wertvoll. Dem Erbauer seiner schönen Kirche, dem volksnahen Seelsorger und feimütigen Kirchenmann wird Ballwil, so hoffe ich, ein gutes Andenken bewahren.
Hans Moos
Diese Skizze in elf Folgen wurde im Ballwiler Pfarrei– und Gemeinde-Mitteilungsblatt KONTAKT, Nummern1-11, 2010 veröffentlicht. Auf die Zwischentitel wurde in der vorliegenden Wiedergabe verzichtet
Pfarrer Herzog – eine Ausnahmeerscheinung
unter den Geistlichen seiner Zeit
Referat von Prof. Dr. theol. Markus Ries, Rain
Wir können heute nur noch mutmassen, wie der 31 Jahre alte Xaver Herzog sich gefühlt haben muss, als er am Sonntag, dem 17. Oktober 1841 hier in Ballwil seinen Pfarraufritt feierte. Eine erhebende Zeremonie war es ganz gewiss, wie er da einzog, vermutlich in einer schönen Kutsche. Zusammen mit Herzog erschienen einerseits der Herr Bischöfliche Kommissar Burkard Waldis, andererseits der angesehene Gymnasiallehrer Josef Eutych Kopp, der wenige Monate zuvor in die neue, konservative Regierung gewählt worden war. Die Übernahme der neuen Funktion sollte ziemlich harzig verlaufen: Bereits am Mittwoch nach dem Feiertag wurde Herzog krank, es ging ihm ziemlich schlecht, und so war er erst einmal für zwei Monate arbeitsunfähig. Es wurde Mitte Dezember, bis er an Altar zu treten konnte, um das heilige Messopfer zu feiern und seiner Gemeinde zum ersten Mal die Sonntagspredigt zu halten.
Politisch waren es harte Zeiten, Spannungen gab es wie kaum je zuvor. Erbittert standen Schwarz und Rot sich gegenüber, in wahrer Feindseligkeit, und am Ende, 1847, zog man gar gegeneinander in den Krieg – Schweizer gegen Schweizer, Luzerner gegen Aargauer, Obwaldner gegen Berner usw. Etwa hundert Tote und 400 Verletzte waren als schlimmste Folge zu beklagen. Wie die meisten seiner geistlichen Amtskollegen stand Pfarrer Herzog entschieden auf der konservativen Seite und engagierte sich dafür mit dem ihm eigenen Temperament.
Weit besser als seine Nachbarn und als fast alle anderen Pfarrer verstand er sich aber auf das Schreiben. Diese Gabe sollte zu seinem unterscheidenden Merkmal werden, ihr verdankt Herzog die fortbestehende Erinnerung bis zum heutigen Tag. Bereits in seinen ersten Amtsjahren griff er beherzt zur Feder und verfasste in rascher Folge politische und dann auch poetische Texte. Zuerst waren es Artikel für Zeitungen im In- und Ausland, dann kleine Bücher, schließlich gründete er sogar seine eigene Zeitschrift. Damit provozierte er die Aufmerksamkeit des politischen Gegners und gewiss auch jene seiner Amtsbrüder. Mit einiger Herablassung
ließen sie sich vernehmen – ein guter Schriftsteller, so höhnten sie, müsse ja wohl ein schlechter Pfarrer sein. Herzog aber hielt selbstbewusst dagegen: „Die es können und die es gelernt haben, an denen ist es zu schreiben“ (Egli S. 71). Es sei nicht recht, das Talent zu vergraben, ein fähiger Mensch dürfe sich doch nicht darauf beschränken, einfach nur Predigten zu verfassen. „Oder soll man etwa die Literatur, die ungeheure Gewalt, womit die Presse auf die öffentliche Meinung drückt und sie bestimmt, wie sie will, soll das alles den Händen der Weltlichen, vielfältig unserer Feinde, überlassen werden?“ (ebd. S. 72).
So energisch er sich für seine Schriftstellerei zu rechtfertigen wusste, so unzimperlich äußerte er sich in der Sache selbst. Hemmungslos spielte er auf den Mann, und mit wahrem Sarkasmus griff er auch Honoratioren namentlich an. 1866 trug ihm ein Zeitungsartikel gar eine Anzeige ein – das Statthalteramt Sursee zwang ihn, gemachte Anschuldigungen öffentlich zu widerrufen. Nicht nur die Gegner bekamen seinen Unwillen zu spüren, selbst die kirchliche Obrigkeit musste vom sonst so konservativ auftretenden Landpfarrer manche Kritik entgegen nehmen. So ärgerte Herzog sich einmal darüber, dass das bischöfliche Ordinariat bei Konflikten stets den Weg der Vermittlung suche, anstatt energisch Farbe zu bekennen.
In einer deutschen Zeitung ließ er einen Artikel drucken, in dem er sich bitter über die Untätigkeit seiner Oberen beklagte: In Solothurn „sind ein halb Dutzend Domherren, welche nicht viel anderes zu tun haben, als ihre Kanarienvögel zu füttern und den Barometer zu beobachten“ (ebd. S. 84).
Zur Ausnahmeerscheinung unter den Luzerner Geistlichen machte den Ballwiler Pfarrer nicht einfach sein politischer Kampf und letztlich nicht einmal seine schriftstellerische Ambition. Der besondere Punkt lag vielmehr in seinem Selbstverständnis und in der geistigen Grundlage seines Denkens. So bodenständig er reden und schreiben konnte, so viel Sympathie er aufbrachte für urwüchsige Frömmigkeit, so wenig lässt er sich im Rückblick einschränken auf jene Züge, welche in den nachfolgenden Jahren die Signatur des Kirchlichen bestimmten sollten.
In Herzogs eigener Zeit nämlich setzte sich in der Kirche jene Richtung durch, welche die Abwendung von der damals modernen Welt propagierte: Der Weg zum Guten, so die Idee, sei einzig im Altbewährten zu finden und das religiöse Leben müsse auf den kirchlichen Innenraum beschränkt werden. Herzog war da von ganz anderer Statur. Er gehörte zu jener Generation von Kirchenleuten, die sich selbst als Intellektuelle verstanden, die sich wissenschaftliche Bildung und Auseinandersetzung mit der aktuellen Kultur zu zentralen Anliegen machten. So erstaunt es nicht, dass er viel Begeisterung für einen zeitgemässen Umgang mit der eigenen Geschichte aufbrachte. Er war dabei, als am 10. Januar 1843 in Luzern 16 Pioniere den „Historischen Verein der V Orte“ gründeten. In der gleichen Haltung beteiligte er sich an aktuellen theologischen Debatten; er sprach vom „milden Schimmer der hellen deutschen Wissenschaft“ und setzte diesen den „Finsternissen der mittelalterlichen Theologie“ entgegen.
Grundlage für das kirchliche Leben war in seinen Augen der kultivierte Austausch unter Denkenden. Diese in jeder Hinsicht bildungsfreundliche Haltung machte er auch auf der Landschaft zum Maßstab für die Pastoral. Ein Beispiel dafür war sein Engagement für die neue Ballwiler Kirche, die er in einem aktuellen Baustil und nicht in altbewährten, überkommenen Formen planen ließ. Ein anderes Beispiel war das Konzept für die Seelsorge: Sie sollte sich am aktuellen Nachdenken über den Menschen orientieren, nicht nur an abstrakter, einmal gegebener, dem alltäglichen Leben ferner Wahrheit. Dahinter stand die Überzeugung, dass der Glaube sich im Licht der Vernunft zu bewähren hat und nicht von Inspiration allein lebt.
Daraus ergaben sich praktische Konsequenzen: Herzog war überzeugt, dass die Kirche den Veränderungen der sozialen Realität Rechnung tragen müsse und dass sie immer wieder Erneuerung und Reformen brauche. Grundgelegt war diese Sicht in Erkenntnissen aus der Studienzeit. Einen Teil seiner Ausbildung hatte Herzog an der Theologischen Fakultät Tübingen erhalten, was seine Offenheit für akademische Bildung und universitäre Theologie lebenslang prägen sollte. Von den Tübinger Professoren beeindruckte Herzog in erster Linie Johann Baptist Hirscher, den er zeitlebens als seinen Lehrer verehrte. 1849 veröffentlichte Hirscher unter dem Titel „Die sozialen Zustände der Gegenwart und die Kirche“ einen flammenden Aufruf zur Kirchenreform, was ihm in seiner Umgebung, aber auch in der Schweiz und bis nach Rom viele Feindschaften eintrug. Es folgten Publikationsverbote und das Ende der kirchlichen Karriere. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Luzerner Geistlichen stellte Herzog sich öffentlich auf die Seite des Angefeindeten und setzte sich differenziert mit den vorgebrachten Forderungen auseinander. Bemerkenswert ist sein Kommentar zu Hirschers Postulat nach Einberufung von Synoden, mit deren Hilfe eine breitere Beteiligung an Entscheidungsfindungen möglich sein sollte.
Herzog teilte die Einschätzung – auch in der Kirche müsse das Volk an der Verantwortung beteiligt werden. Sogleich aber brachte er Vorbehalte an: In der Schweiz, so meinte er, seien Synoden derzeit nicht durchführbar, da die notwendigen Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Die Geistlichen seien dafür nicht mündig genug, und den Bischöfen fehle es schlicht an den notwendigen Fähigkeiten (Köster S. 236). Von der damals aktuellen Theologie begeistert, war Herzog weit davon entfernt, Veränderung der Verhältnisse zu propagieren, nur um sich selbst zu profilieren – er baute vielmehr auf die intellektuelle Auseinandersetzung.
Die Richtung, welcher er verpflichtet war, vermochte sich allerdings nicht durchzusetzen. Vielmehr sollten die nachfolgenden Generationen in der Kirche ganz anderen Idealen verpflichtet sein. Mehr und mehr galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Kirche die Abwendung von der Welt als Gebot der Stunde. Seelsorgeausbildung wurde beschränkt auf Einübung in das spirituelle Leben, während die theoretische Bildung in den Hintergrund trat. Diese Wendung sollte später als schwere Hypothek auf die Kirche zurückfallen.
Obwohl seither ein Umdenken stattgefunden hat, sind die Nachbeben bis heute zu spüren. Wenn wir uns an den alten Balbeler erinnern, dann auch wegen seiner Wertschätzung für die theologische Debatte auf dem Niveau der Zeit, eine Haltung, mit der immer noch als Beispiel dienen kann. Herzog tat, worauf es in seiner Position auch im 21. Jahrhundert ankommen wird: Er verstand sich als Beter und als Denker, als Politiker und als Poet.
Quellen und Literatur
Heidi Bossard-Borner, Im Spannungsfeld von Politik und Religion. Der Kanton Luzern 1831 bis 1875 I-II (= Luzerner Historische Veröffentlichungen 42/I-II), Basel 2008;
Philipp W. Hildmann – Hubert Isopp (Hrg.), Xaver Herzog. Achtzehn neue, lustige Briefe, gewechselt zwischen einem katholischen und reformirten Geistlichen (1845) (= Gotthelfiana 1), Nordhausen 2006;
Karl Werner, Geschichte der katholischen Theologie. Seit dem Trienter Konzil bis zur Gegenwart, München-Leipzig 1889;
Elisabeth Egli, Der alte Balbeler. Pfarrer Xaver Herzog von Ballwil (18180-1883) und sein Anteil an der Luzerner Publizistik des 19. Jahrhunderts, Luzern 1947;
Norbert Köster, Der Fall Hirscher. Ein „Spätaufklärer“ im Konflikt mit Rom? (= Römische Inquisition und Indexkongregation 8), Paderborn u.a. 2007;
Alexandra Binnenkade – Aram Mattioli (Hrg.), Die Innerschweiz im frühen Bundesstaat (1848-1874). Gesellschaftsgeschichtliche Annäherungen (= Clio Lucernensis 6), Luzern 1999.
Aus der Werkstatt eines poetischen Realisten
im geistigen Raum der Zentralschweiz
Referat von Dr. phil. Pirmin Meier, Rickenbach LU
Xaver Herzog, genannt der “alte Balbeler”, scheint eine Figur des luzernischen Biedermeier zu sein. Gemütlich, ländlich-katholisch, altmodisch, gerade richtig als Gegenstand für einen beschaulichen Spätnachmittag in der Kirche von Ballwil. Er hat sie immerhin erbauen helfen. Trotz einiger kunsthistorisch interessanter Details war und ist die Kirche Ballwil nie durch besondere Modernität aufgefallen. Wir sollten, mahnte einmal Deutschlands christlicher Schriftsteller Reinhold Schneider (1903 – 1958), nicht immer mit der Zeit gehen, “denn in wesentlichen Fragen ist sie ratlos, und wenn wir mit ihr gehen, werden wir es auch.” (Der Balkon, 1957). Xaver Herzog schrieb seine Werke hundert Jahre vor Reinhold Schneider. Im Hinblick auf eine nach dem Evangelium orientierte Skepsis gegenüber dem Zeitgeist scheint der “Balbeler” ähnlich gedacht zu haben wie die früher an Gymnasien regelmässig gelesenen Autoren Schneider und Bergengruen.
Bei genauerem Hinsehen merkt man unversehens, dass man dem gebürtigen Beromünsterer mit dem Klischee “katholisch-konservativ” nicht gerecht wird. Sein Gemeinplatz “Du sollst nicht liberal sein” erfolgte aus tiefem Bedenken der Dinge, die man mit dem Fortschritt nicht nur gewinnen, sondern ganz im Gegenteil auch verlieren kann. Es musste sich nicht vorrangig ein Feindbild bestätigen. Den wichtigsten einheimischen Andersdenkenden seiner Zeit, den genialischen Revolutionär und Liquidator des Klosters St. Urban, Dr. Jakob Robert Steiger, nannte Herzog ehrerbietig “den grossen Eidgenossen von Büron”. Über einen Vetter desselben, Frühmesser Kaspar Amrein in Sempach (1800 – 1864), mit dem Herzog zu seiner Zeit als Vikar in Eich befreundet gewesen war, hat er in Band 4 seiner Biographien-Chronik “Geistlicher Ehrentempel” einen schönen Nachruf geschrieben.
Die Redensart, der “Balbeler” sei ein Kind seiner Zeit gewesen – wer ist das schon nicht? – ,reduziert dessen Bedeutung auf eine Banalität. Der mannhaft-musische Priester-Schriftsteller steht zwischen massiver Über- und Unterschätzung. Überschätzt wird er etwa dann, wenn man ihn als Luzerns Gotthelf bezeichnet, unbeschadet einiger Gemeinsamkeiten mit dem schreibenden Pfarrer von Lützelflüh. In wohl noch höherem Ausmass wird jedoch Herzog heutzutage unterschätzt, weil man es sich gewohnt ist, Geschichte als Fortschrittsgeschichte zu schreiben. Wer sich für Volkskunde und Mentalitätsgeschichte interessiert, wird indes die Schriften von Xaver Herzog, etwa seine Zeitschrift “Der katholische Luzernbieter”, zu den interessantesten Quellen der Innerschweiz zählen.
Warum werden Diskussionen über Kreuze und Kruzifixe in Schulzimmern und öffentlichen Gebäuden, die Forderung nach Beseitigen von Kreuzen auf Berggipfeln, die Debatte um Minarette und Kopftücher noch immer äusserst emotional geführt? Bei allem scheinbaren Rückgang des Religiösen und Heimatlichen in Kultur und Pädagogik haben diese Themen offenbar mit dem kollektiven Unbewussten der Bevölkerung zu tun, mit den innersten Gefühlen vieler. Es gab nicht nur in der Epoche der Französischen Revolution und in der Zeit von Xaver Herzog einen Kulturkampf. Es gibt ihn auch heute, in Frankreich, in Deutschland, zum Beispiel in und um Berlin, der mittlerweile grössten türkischen Stadt ausserhalb der Türkei, und natürlich in der Schweiz.
Dabei geht es keineswegs nur um den Islam. In unserer einst christlich dominierten Zivilisation ist der Streit um die Symbole voll entbrannt. Aber was bringt es schon, in quasi kulturkämpferischer Absicht eine Petition für die Beibehaltung des Kreuzes im öffentlichen Raum zu unterzeichnen? “Das Kreuz will nicht als Last getragen werden, es muss zur Mitte des Lebens werden”, vermerkte vor Jahrzehnten der bereits zitierte Reinhold Schneider. Bei Xaver Herzog war das, was wir im Sprachgebrauch der religiös orientierten Volkskunde nach Josef Zihlmann (1914 – 1991) die christlich-ländliche Kultur des Kantons Luzern nennen, auf eine Weise verwirklicht, wie es bei einem einheimischen Autor weder vor ihm noch nach ihm in vergleichbarer Weise vorgekommen ist. Das, was wir an ihm konservativ nennen, ist wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger als eine äusserste Sensibilität für Signale des Kulturwandels. Diese hat Herzog in seinem Werk nicht so sehr hochliterarisch, sondern hauptsächlich als Chronist seiner Epoche in einmaliger Lebendigkeit wahrgenommen und dargestellt.
Wie beispielsweise der damals vielgelesene Volksschriftsteller in seiner Erzählung “Der Götti” das bei uns früher übliche Taufritual mit allem “Drumherum” darzustellen wusste, erreicht wohl nicht den literarischen Glanz der “Schwarzen Spinne” seines Briefpartners Albert Bitzius von Lützelflüh, bringt aber als Orientierung über die tatsächlichen Gegebenheiten, Sinn und Bedeutung der Taufe und der Gevatterschaft gewiss kein weniger plastisches Bild als wir es bei Jeremias Gotthelf ebenfalls zu Gesicht bekommen. Für die volkskundlichen Details der Verhältnisse im
19. Jahrhundert bringt Herzog im Vergleich zu Gotthelf dank noch exzessiveren erzählerischen Abschweifungen im Einzelfall sogar noch mehr.
Indessen vermochte Xaver Herzog in Sachen Kunst der Novelle erzähltechnisch und stilistisch gewiss nicht mit Meister Gottfried Keller Schritt zu halten. Dessen Erzählung “Kleider machen Leute” stellt ein mit Recht vielgelesenes Juwel der deutschen Literatur dar. Trotzdem ist der Quellenwert von Xaver Herzogs bedeutendstem literarischen Oeuvre im Bereich der Fiktion, “Wie Babeli zu einem Mantel kommt” (1857), 17 Jahre vor Kellers Meisterwerk veröffentlicht, kulturhistorisch wohl in vielerlei Hinsicht höher einzustufen als das weit professioneller und brillanter geschriebene Werk des berühmtesten poetischen Realisten der schweizerischen Literatur.
Wenn es wichtig ist, dass man heute im Literaturunterricht auf “Gender”-Aspekte Rücksicht nimmt und historisch “Frauenforschung” auswertet soll, dann war nicht nur der beste Paramentenkenner Beromünsters, Robert Ludwig Suter (1912 – 1995), dank seiner Forschungen über die Stickerinnen und Näherinnen ein einmaliger, auf seinem Gebiet unübertroffener Pionier. Was im Zusammenhang mit der von Xaver Herzog gewiss nicht explizit angestrebten Emanzipation der Frau die Darstellung der vielleicht epochalsten Revolution in der Geschichte der einheimischen Frauenmode betrifft, verdanken wir ihm in dieser Hinsicht einen der informativsten Quellentexte der Schweizer Literatur.
Was war eigentlich, unter dem Gesichtspunkt der Freiheit, die grösste Revolution in der westlichen Frauenmode? Die von Rousseau schon 1762 geforderte Beseitigung der Schnürbrust? Oder der vom französischen Modeschöpfer Louis Réaud am 18. Juli 1946 patentierte Bikini? Oder gar der Minirock, womit in den sechziger Jahren in einer Wirtschaft am Pilgerweg nach Einsiedeln (Tuggen) bei der Männerwelt Aufsehen erregt wurde? (An fast derselben Stelle, wo sich eine des Gehens unfähige junge Frau namens Anneli 1580 sehr schämte, weil sie im Augenblick einer Wunderheilung realisierte, dass sie einen zu kurzen Rock trug?) Wohl nichts dergleichen.
Die bedeutendste Moderevolution, das Hauptereignis in der Wiederherstellung der Würde und des herrschaftlichen Stolzes der ländlich-bürgerlichen Frau ist mutmasslich der Durchbruch der Mantelmode zwischen 1830 und 1848. Im Vergleich zu den lächerlich-hilflosen Gefechten, welche damals von liberalen Männern bei den Freischarenzügen von 1844 und 1845 mit einer Revolution verwechselt wurden, war das im luzernischen Michelsamt nur der Muttergottes vorbehaltene Recht der Frau, einen Mantel tragen zu dürfen, eine Revolution von ganz anderem Grad der Nachhaltigkeit. Als dann 1971, zur Zeit des Minirocks und des Bikinis und des Pornofilms, das Frauenstimmrecht kam, war dies wohl nicht unbedingt eine grössere und bedeutsamere Revolution, sondern hauptsächlich eine längst fällige Anpassung an die rechtlichen Erfordernisse der Zeit.
Unbestreitbar brachte die politische Regeneration zwischen 1830 und 1848 im Kanton Luzern so etwas wie die politische Emanzipation des Mannes. Die Frauen hingegen mussten sich bekanntlich noch rund ein halbes Dutzend Generationen bis zum Erhalt des vollen Stimm- und Wahlrechts gedulden, zu schweigen von den zivilrechtlichen Veränderungen der neueren und neuesten Zeit. Dies ändert aber nichts daran, dass die Mode auch zu Xaver Herzogs Zeiten und ebenso in den folgenden Jahrzehnten wie fast kein anderes Kulturgut für den Geist und die Mentalität einer Epoche repräsentativ wurde. Dies gilt für den Minirock der späten sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ebenso wie für den Durchbruch des Mantels in der Frauenmode. Dieser vollzog sich annähernd parallel mit der männerbündischen Demokratisierung des Kantons Luzern nach 1830.
Für die von Xaver Herzog geschilderten Michelsämterinnen Babi, Lisi, Leni und andere gutgewachsene Mädchen aus wohlhabenden Bauernfamilien war es keine Kleinigkeit, in der kälteren Jahreszeit mit einem Mantel auf dem Markt von Beromünster aufzukreuzen, gar mit dieser neumodischen Gewandung beim Besuch des Gottesdienstes Aufsehen zu erregen. Noch um 1800 zeigen die traditionellen Darstellungen von damaligen Trachten vielschichtige Wollkleider mit entsprechenden dicken Strümpfen, aber grundsätzlich nie einen Mantel. Dieses Kleidungsstück war ursprünglich den “Herren” (Geistlichen), auch den Aristokraten, allenfalls dem Stiftsweibel und vergleichsweise hochgestellten Männern in Ausübung amtlicher Funktionen vorbehalten. Auch der Henker trug, zum Zeichen von Macht und Souveränität, einen Mantel. Die einzige Frau mit Mantel weit und breit, die man im Michelsamt zu sehen bekam, war die Muttergottes; allerdings nicht leibhaftig, nur auf Gemälden in den Gotteshäusern oder kunstvoll gestickt auf Paramenten und allenfalls bei geistlichen Spielen. In der Gnadenkapelle von Maria Einsiedeln sah man die Muttergottes, mit wechselnden Gewandungen, auch plastisch.
Die Frage “Wie Babeli zu einem Mantel kommt” war in der Mitte des 19. Jahrhunderts für ein Mädchen aus dem Michelsamt ein Indiz für eine bevorstehende Kulturrevolution; psychologisch vielleicht eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Änderungen. Diese erfolgte nicht zufällig in der Zeit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht für Mädchen und noch Generationen vor der Einführung des Frauenstimmrechts. Natürlich war die Mantelmode zunächst aus der Stadt aufs Land gekommen. Es hatte sich sogar ergeben, dass Babi (Barbara), wiewohl die Tochter des reichsten Bauern der Gegend, erst nach einer weniger begüterten Nachbarin und Kollegin in den Besitz eines solch feudalen Kleidungsstücks aus der Werkstatt einer einheimischen Schneiderin gelangt war. Das gab beredte Erörterungen am Familientisch. Ging es doch um nicht mehr und nicht weniger als um die bäuerliche Hierarchie im Michelsamt, mithin auch um das gewitzte Durchsetzungsvermögen eines jungen Mädchens, das keineswegs auf den Kopf gefallen war. Mit einem Mantel war sie doch ein ganz anderer Mensch, und mit diesem Mantel wurde auf modischer Ebene die Gleichberechtigung der Landbevölkerung mit der Stadt demonstriert. Ein Anliegen, für das sich zum Beispiel der liberale Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler (1780 – 1866) stark gemacht hatte, einer der Erfinder der modernen Schweiz.
Xaver Herzog ist mit dieser seiner kulturhistorisch womöglich bedeutendsten Erzählung ein verschmitztes Dokument früher Emanzipation gelungen, obwohl dies nicht seine primäre Absicht gewesen sein dürfte. Für den klerikalen Moralisten mochte eine subtile Kritik an der Sünde der Hoffart und allgemein an der Eitelkeit eine gewichtigere Rolle gespielt haben. Die literarische Qualität des Werks liegt wohl hauptsächlich in seinem Rang als repräsentativstes Luzerner Beispiel für den Poetischen Realismus, nämlich die kunstvoll formulierte Charakterisierung der Personen und Umstände durch das jeweilige Verhältnis der Menschen zu den Sachen.
Nebst vielen seiner Kalendergeschichten und Feuilletons ist der mit dem barocken Titel versehene “Geistliche Ehrentempel oder Pyramide der Unsterblichkeit, das ist Lebensbeschreibungen etwelcher Geistlichen aus dem katholischen Luzernerbiet” (1861-1868) noch heute das Gegenteil einer langweiligen Lektüre. Der Unterhaltungswert ergibt sich aus den vergnüglichen, die Personen gleichsam zum Leben erweckenden Charakterisierungen, der historische Quellenwert jedoch vor allem unter fesselnden Gesichtspunkten der Bildungsgeschichte.
Ein Beispiel aus dem Seetal ist die spannende Lebensgeschichte von Kaplan Josef Tanner (1783 – 1863), einem ehemaligen “Webstübeler”, der in Müswangen in Eigeninitiative mit einfachsten Mitteln etwas führte, was man trotz tausendfach vergrösserter Kosten für die Bildung im Seetal nicht mehr findet: eine Lateinschule. Aus ihr sind nicht wenige Priester und Gelehrte hervorgegangen. “Nicht bloss aus dem Dorf selber und etwa vom nahen Schongau, Altwis, von Gelfingen, Sulz und Lieli, nicht bloss aus dem Kanton Aargau, von Beinwil, sondern sogar aus dem gelehrten philosophischen Württemberg konnte man damals Studenten in Müswangen sehen.” Als Chorherr von Beromünster vertauschte Kaplan Tanner am 28. Dezember 1863, dem Tag der heiligen unschuldigen Kinder, das Leben mit dem Tode. Er ging seinem Biographen fast auf den Tag genau um 20 Jahre voraus.
Xaver Herzog brachte es als Autor zustande, Männer und Frauen der damaligen Zeit in vortrefflicher Anschaulichkeit zu porträtieren. Eine starke Frauenfigur aus seinen in der Klingnauer “Botschaft” 1877 erstmals veröffentlichten Jugenderinnerungen aus Beromünster ist Cäcilia Müller mit dem Spitznamen “Güllen-Zülle”, die sprachmächtigste Zeugin des Fleckenbrandes von 1764. Wegen ihres Erzähltalents wird diese 1740 geborene und 1823 verstorbene “Jungfer” als “ein Mensch gewordenes Bilderbuch der alten und der neuen Zeit” charakterisiert. Als ein solches Bilderbuch ist das narrative Gesamtwerk des “Balbelers” zu lesen und aufzufassen. Wenn damals schon ein Innerschweizer Literaturpreis verliehen worden wäre, der in den Vorweihnachtstagen 1883 in Beromünster verstorbene Xaver Herzog hätte ihn wie kein zweiter verdient.
In der Nacht vom 22. auf 23. Dezember 1883 starb Chorherr Xaver Herzog im Hertensteinhof zu Beromünster
Liebe Leserin, lieber Leser
Seine Schriften sind weitgehend vergessen, doch sein Name hat, zumindest bei der älteren Generation, noch immer einen guten Klang: Pfarrer Xaver Herzog, der „alte Balbeler“. Als beliebter Volksschriftsteller, als streitbarer, aber auch humorvoller Zeitgenosse und als hartnäckiger Initiant einer neuen – und neuartigen – Pfarrkirche hat er den Namen Ballwils weit über die Grenzen des Seetals hinausgetragen.
Aus Anlass seines 200. Geburtsjahres veranstalteten die Kirchgemeinde und die politische Gemeinde Ballwil am 31. Oktober 2010 eine Feierstunde in der Pfarrkirche. Am gleichen Wochenende präsentierte im neuen Kulturraum Margrethenhof eine kleine Ausstellung Bild- und Schriftdokumente zum Leben und Wirken des „alten Balbelers“. Überdies widmete das Ballwiler Mitteilungsblatt KONTAKT im Verlauf des Jahres Xaver Herzog eine Reihe von elf Kurzbeiträgen. Diese und die drei Kurzreferate, die anlässlich der Feierstunde gehalten wurden, sowie Bilder aus der Ausstellung sind in der vorliegenden Broschüre festgehalten – als bescheidenes, aber von Herzen kommendes Zeugnis der Erinnerung.
Solches Erinnern und Gedenken ist wichtig, damit wir für das Leben lernen und so für die Zukunft mutige Schritte zu wagen können. Im Namen der Pfarrei und der Kirchgemeinde Ballwil danke ich allen, die dazu beigetragen haben, dass die Gedenkfeier zu einem Erlebnis wurde. Besonders erwähnen möchte ich unseren Archivaren Jakob Werder für das Sammeln der Schriften und Dokumente, Annemarie Schwegler für die Gestaltung der Präsentation und der Broschüre so wie Hans Moos für die Beiträge im KONTAKT während des Jahres und für die Planung der Feierstunde.
Noch einmal möchte ich Pfarrer Herzog selber zu Worte kommen lassen:
„Viele Dinge kommen nicht zurück: Das gesprochene Wort – der abgeschossene Pfeil – das vergangene Leben – die versäumte Gelegenheit!“
Ballwil, im August 2012
P. Christian Lorenz, Pfarrer
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